Greiz: Grandioser Saisonauftakt

GREIZ. Vor Saisonbeginn herrscht immer besondere Aufregung. Wie ist die eigene Mannschaft in Form? Wie sieht es beim Gegner aus? Im Gegensatz zu den Spielsportarten trainieren viele Einzelsportler im Ringen weit entfernt in ihrer Heimat. Bei den international eingesetzten Sportlern kann man sich noch am leichtesten ein Bild durch ihr Abschneiden bei internationalen Turnieren, Welt- und Europameisterschaften machen. Doch bei vielen weiß man nur eins: Nichts!
Und Ausfälle gibt es auf auf andere Art. Der Deutsche Ringer-Bund hat zwar, da die Runde erst nach der WM begann, die leidigen Nachholekämpfe abgeschafft, trotzdem fiel bei den Gästen lja Matuhin aus, der sich mit der U23-Auswahlmannschaft auf die internationale Meisterschaften vorbereitet. Sein auf Greizer Seite in der 96 kg-Klasse vorgesehener Gegner, der frischgebackene WM-Dritte Magomedgadji Nurov, musste nach seiner gelungenen Olympiaqualifikation in seiner neuen Heimat Nordmazedonien an einer staatlichen Ehrung teilnehmen.

Die Spannung war also kaum zu überbieten in der Greizer Sporthalle vor der wiederum imponierenden Kulisse von 1027 Besuchern – darunter zahlreiche Prominenz aus Politik und Wirtschaft. Zu den anderen drei Kämpfen der Staffel kamen einige Zuschauer mehr, allerdings nur in der Summe. Deutschlandweit den zweitbesten Besuch verzeichnete Ex-Meister Köllerbach aus dem Saarland mit 510 Zuschauern. Selbst die Besucherzahl beim Vorkampf, der gegen die „Zweite“ von Aue leider mit 12:13 verloren ging, hätte machen Bundesligabesuch noch übertroffen. Ein sehr gutes Zeugnis für die Ringkampfbegeisterung in und um Greiz, aber auch für die organisatorische und mediale Arbeit des RSV. Die weiter entfernt residierenden Gegner werden sicher nicht so viele Schlachtenbummler mitbringen wie die Erzgebirger, aber das dürfte der Begeisterung in der Halle keinen Abbruch tun. Gerade durch die beiden neuerrichteten mobilen Seitentribünen bestehen nun für noch mehr Zuschauer hervorragende Sichtverhältnisse.
Im Vorjahr als die Greizer in der Rückrunde einige Besetzungsprobleme hatten, konnten die Erzgebirger mit 15:12 in Aubachtal gewinnen. Dies sollte sich auf keinen Fall wiederholen.
Die Gäste setzten vier ausländische Ringer ein, von denen zwei unlängst bei den Weltmeisterschaften aktiv waren. Bei den Greizern starteten drei Sportler mit ausländischem Pass dazu Abdul Galamatov, der nachdem er vier Jahre ununterbrochen in Greiz lebt, wie ein Deutscher erfasst wird. Der ehemalige polnische Meister Mateusz Wolny besitzt durch seinen Vater Ryszard, der als Olympiasieger für mehrere deutsche Bundesligaclubs rang, die deutsche Staatsbürgerschaft.

Die Kämpfe wurden vom Kampfrichter Rene Wenzel, der Mitglied beim KAV Eisleben ist, ohne Probleme geleitet. Der wieder nach Greiz zurückgekehrte Berliner Sven Cammin (57 kg/g) traf zum Auftakt auf den Russen Said Gazimagomedov. Der Dagestaner, im Vorjahr für Pausa aktiv, war damals der punktbeste Ringer der Staffel Südost. Doch selbst der Auer Trainer Björn Schöniger war sich nicht so recht über den Fitnesszustand seines Ringers im klaren. Der startete gewohnt offensiv führte nach 45 Sekunden 6:0, doch nach gut zwei Minuten stand es 3:6. Zwar ging der Russe mit 10:4 in die Pause, doch während dieser saß er wie ein Häufchen Elend auf dem Hocker. Für jeden sichtbar, er war fix und fertig. Beide Sportler schenkten sich aber nichts, kamen zu attraktiven Würfen. Sven Cammin erkannte seine Chance, kam auf 9:14 heran. Wer würde dem Tempo Tribut zollen müssen? Die Zuschauer waren schon vom ersten Saisonkampf begeistert. Dann eine Minute vor Schluss die Entscheidung. Der Dagestaner setzte einen Hüftwurf an, half mit einem Bein nach und brachte den Greizer in eine aussichtslose Lage, aus der er sich nicht mehr befreien konnte. Schultersieg für den Auer beim Stande von 9:20. (Mannschaftsstand: 0:4) Die größte Überraschung am Sonnabend in der Greizer Ringerhalle gab es schon zur Begrüßung für den EM-Dritten Alin Alexuc-Ciurariu (130 kg/f). Der Rumäne hatte seine in Bukarest gewonnene EM-Medaille für einen guten Zweck versteigern lassen. Das Geld wurde für die Operation einer junges rumänischen Mädchens in einer Spezialklinik in München benötigt. Der Greizer Ringerverein hatte die Medaille ersteigert und konnte sie nun ihrem Besitzer wieder übergeben. Auf der Matte hatte er den deutschen Kaderathleten Christian John zum Gegner, der seinen WM-Platz an Eduard Popp (Heilbronn) verloren hatte. Der Rumäne führte zur Halbzeit 2:0, verpasste es aber seine Führung im Bodenkampf auszubauen. Als er den Gegner zu Boden brachte und auch noch einen Armdrehschwung konterte, schienen beim Stand von 7:0 sogar ein Gewinn von drei Punkten möglich, doch der in Frankfurt/Oder trainierende Christian John kam noch auf 3:7 heran. (2:4) Die Auer brachten nicht ihren ehemaligen polnischen Vizeeuropameister Marius Los, sondern Routinier Pierre Vierling, der gegen Alexander Grebensikov (61 kg/g) nur Außenseiter war. Der durch besondere technische Fähigkeiten begnadete Greizer hatte wie immer einen Superstart und kam bereits nach 50 Sekunden beim Stande von 6:0 zu Schultersieg (6:4) Für den WM-Dritten Magomedgadji Nurov (98 kg/f) brachte der Greizer Trainer Tino Hempel den unverwüstlichen Sebastian Wendel. Ihm stand der deutsche A-Jugendmeister im griechisch-römischen Stil Connor Sammet gegenüber, der sich in der ersten Kampfhälfte sehr wacker schlug, nur 0:1 zurücklag und vom Auer Anhang stürmisch angefeuert wurde. In der zweiten Runde drehte der Greizer auf, kam durch Knöchelgriff, Rolle am Boden und zwei Beinangriffen zum verdienten 10:1 Sieg. (9:4) Abdul Galamatov (66 kg/f) hatte es mit dem gerade von der Weltmeisterschaft zurückgekehrten polnischen Auswahlringer Krysztof Bienkowski zu tun. Der Greizer, gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe, kämpfte abgeklärter als im Vorjahr und ging mit viel Übersicht zu Werke. Nach drei Minuten lag er 0:2 zurück, in der zweiten Runde kam der polnische Meister noch zu zwei Zweierwertungen, die zusammen mit einem Hinausdrängen aus der Kampffläche einen 7:0 Sieg ergaben.Zur Halbzeit führte Greiz mit 9:6 Punkten.
Ein Jahr mussten die Greizer Ringkampfanhänger auf einen Auftritt von Mateusz Wolny (86 kg/g), der nach einer Verletzung die gesamte vorige Saison verpasste, warten. Nun feierte er einen starken Einstand gegen den ehemaligen Pausaer Francis Weinhold, der auch schon für Markneukirchen aktiv war. Der Kampf war bereits nach zwei Minuten entschieden, als der langjährige polnische Auswahlringer nach einer Verwarnung des Auers im angeordneten Bodenkampf mit zwei Rollen zum 5:0 kam. Am Ende siegte der Greizer mit 6:0. (11:6) Der polnische Routinier Dawid Karecinski (71 kg/g) kam in diesem Jahr bei internationalen Turnieren in Spanien und Dänemark auf vordere Plätze. Gegen den ungarischen WM-Teilnehmer Mate Krasznai war er nur Außenseiter. Er ließ aber nur eine Wertung durch einen Wurf über den Oberarm zu und wurde allerdings noch zweimal wegen passiver Ringweise verwarnt. Am Ende hieß es 4:1 für den starken Ungarn, dessen Schwächen im Bodenkampf aber wohl ein Vordringen auf Spitzenplätze bei internationalen Meisterschaften verhindern dürften. (11:8) Drei Kämpfe vor Schluss war so wieder alles offen. Auf
Martin Obst (80 kg/f) lag nun wieder viel Verantwortung. Er traf wieder einmal den drei Jahre jüngeren Franco Büttner. Sie kennen sich vom gemeinsamen Training im Stützpunkt Luckenwalde und lieferten sich schon oft große Kämpfe. Im Vorjahr ging es in Aue bis zur Verletzung von Büttner sehr eng zu. Bei den deutschen Titelkämpfen im Mai gab es einen klaren 7:0 Erfolg des Greizers, der danach zum vierten mal deutscher Meister wurde. Büttner kam auf Rang fünf. Beide begannen sehr vorsichtig, keiner wollte sich durch eine Angriffsaktion eine Blöße geben. Durch eine Verwarnung seines Gegners ging der Greizer mit 1:0 in die Pause. Erst in den letzten Sekunden konnte der deutsche Meister durch zwei Beinangriffe den 6:0 Endstand sicherstellen. (13:8)
Daniel Sartakov stellt alles in den Schatten

Als Daniel Sartakov (75 kg/f) 2014 von Luftfahrt Berlin nach Greiz wechselte, musste er noch manchmal Lehrgeld zahlen. Im Vorjahr gewann er die Bronzemedaille bei den deutschen Meisterschaften und war er der erfolgreichste Greizer Ringer in der Bundesliga. Auch auf diese Saison hatte er sich akribisch vorbereitet, konnte aber verletzungsbedingt nicht an den deutschen Meisterschaften teilnehmen. Ende August reiste er zu den offenen Britischen Meisterschaften nach Manchester, wo er sowohl im Freistil (79 kg), als auch im griechisch-römischen Stil (82 kg) die Goldmedaille gewinnen konnte. So konnte er einen Monat vor Bundesligabeginn noch einmal seine Form testen und sich wieder an die Wettkampfathmosphäre gewöhnen. Am Sonnabend traf Daniel Sartakov auf den Ungarn Zsombor Gulyas, der bis zum Vorjahr sein Land bei internationalen Wettkämpfen vertrat und kürzlich eine Trainerstelle beim sächsischen Bundesstützpunkt in Leipzig antrat. Wie im Kampf zuvor tasteten sich die Kämpfer lange ab, wieder wollte keiner ein Risiko eingehen. Erst als der Greizer kurz vor Schluss der ersten Kampfhälfte gezwungen war wegen einer drohenden Strafe von einem Punkt innerhalb von 30 Sekunden anzugreifen, bekam das ganze Fahrt und Dramatik. Zwar schaffte der nun stürmisch angreifende Greizer den Punkt nicht innerhalb des Zeitlimits, doch kaum hatte der Kampfrichter den Punktgewinn des Ungarn angezeigt, als dieser die Matte verlassen musste, weil ihn der Greizer von dieser gedrängt hatte. Es stand 1:1. Doch die Führung des Greizers hielt nicht lange (Beim Ringen gibt es seltsamerweise kein Unentschieden, bei Punktgleichheit entscheidet die letzte bzw. die höhere Wertung). Der Ungar zog seinen Gegner geschickt auf, ähnlich wie im griechisch-römischen Stil. Er tat damit zwar nichts um zu punkten, der Kampfrichter sah aber eine passive Kampfsituation des Greizers, der nun wieder in 30 Sekunden einen Angriff erfolgreich abschließen musste. Das gelang nicht: 1:2. Knapp zwei Minuten waren noch zu kämpfen und die sollten es in sich haben. Auf der Matte ging es nun heiß her. Der Greizer versuchte alles, griff immer wieder an, doch der Ungar wehrte geschickt ab und blieb trotzdem immer gefährlich. Dann die vermeintliche Entscheidung als Daniel Sartakov 15 Sekunden vor Schluss den Auer von der Matte drängte: 2:2 und Führung für den Greizer. Die Entscheidung schien gefallen. Jetzt musste Zsombor Gulyas alles riskieren. Und mit einem Beinangriff schaffte er kurz vor Schluss die 4:2 Führung. Die Gästefans jubelten, die Greizer Anhänger ließen die Köpfe hängen. Es gab nur eine kleine Unannehmlichkeit. Auf Grund eines Ausfalls der Zeitmessung mussten fünf Sekunden nachgeholt werden. Die Zeit wurde auf 5:55 gestellt. Ein unlösbares Problem für Daniel Sartakov. In fünf Sekunden sind gegen einen routinierten Ringer keine zwei Punkte aufzuholen. Die meisten Ringer gehen, wenn bei dieser Kampfzeit noch einmal angepfiffen wird, auf den Gegner zu und gratulieren ihm zum Sieg. Anders Daniel Sartakov, der schon viele Beweise für seinen unbändigen Kampfgeist abgeliefert hat. Er griff sofort an und was selbst seine größten Fans nicht für möglich gehalten hatten, geschah. Der Ungar lag mit dem Kampfende am Mattenrand auf den Bauch und hielt sich vor Ärger über sein Missgeschick die Hände vors Gesicht. 4:4 und der Siegpunkt für den Greizer. Die Greizer Ringkampffans feierten ihren Helden. (14:8) Die älteren Greizer werden sich an einen ähnlich dramatischen Kampf erinnern können. Als die Greizer Verein 1985 zu Freundschaftskämpfen in Ungarn weilte und die Weltmeisterschaften in Budapesdt besuchte, kam es im Finale der 74 kg-Klase zu einem ähnliche dramatischen Kampf mit ständig wechselnder Führung zwischen dem Kubaner Raul Cascaret und dem US-Amerikaner David Schultz, dessen Schicksal später im Hollywoodfilm „Foxcatcher“ verewigt wurde.

Den Schlusspunkt setze der zum ersten mal im Greiz Team stehende Igor Besleaga (75 kg/g), der aus Moldawien kommt und bei den European Games in Minsk den fünften Platz belegt hatte. Sein Gegner, der Nachwuchsringer Maximilian Becher, war völlig chancenlos und hatte bereits nach 94 Sekunden im Bodenkampf durch Rollen und Aushebern die zum vorzeitigen Kampfabbruch nötigen 15 Punkte abgegeben. Kurz vor 21:30 Uhr war der Kampf beendet. Die Greizer hatten die Saison mit einem am Ende noch klaren 18:8 Erfolg begonnen.
Die vielen Besucher in der Greizer Halle sahen faire, spannende, teilweise dramatische und meist auch hochklassige Kämpfe. Der Greizer Ringerverein dürfte weitere Freunde gefunden haben.
Bereits am Donnerstag, den 3.Oktober, geht es zum nächsten Kampf nach Heilbronn. Kampfbeginn ist dann schon um 15 Uhr. Der nächste Heimkampf ist schon am Sonnabend, den 5.Oktober, wenn Aufsteiger Lichtenfels anreist.

Weitere Ergebnisse des Tages:
AC Lichtenfels – ASV Schorndorf 5:19
SV Siegfried Hallbergmoos – Red Devils Heilbronn 12:17
SV Wacker Burghausen – SV Johannis Nürnberg 20:8

Erhard Schmelzer